Kunstmuseum Singen

Emil Kiess (geb. 1930) im Kunstmuseum Singen


Emil Kiess, Erinnerung an einen Hafen, 1957
Öl auf Hartfaserplatte, 87 x 124 cm
Kunstmuseum Singen, (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2018


Im zeittypischen Spannungsfeld zwischen Abstraktion und Gegenstandsbezug bewegt sich der aus Trossingen stammende Maler und Baumeister-Schüler Emil Kiess mit seiner ungegenständlich vorgetragenen „Erinnerung an einen Hafen" von 1957. Sowohl Titelwahl als auch Formensprache verweisen auf den, Moment der Rückbesinnung, in dem innere Erlebniswelten und nachklingende Augenblickseindrücke wieder lebendig werden und bruchstückhaft Konturen gewinnen.

Aus einer größeren zeitlichen und räumlichen Distanz zum Wahrgenommenen erfolgt die vom Konkreten abgelöste, experimentelle Bildgestaltung. Mit den Mitteln einer entschieden flächengeometrisch reduzierten Rasterstruktur aus mosaikartig gestreuten und tektonisch gebauten Formblöcken und Farbfacetten wird das Gesehene aus dem Unbewussten ins Bildfeld zurückgeholt und gleichzeitig in einer vollkommenen autonomen, eigenen Gesetzmäßigkeit gehorchende Bildästhetik transformiert.

An einen Hafen gemahnt vorrangig die Farbskala mit dominierenden Blautönen und die horizontal geschichtete Bildorganisation; evoziert wird der Eindruck einer Panoramasicht von erhöhtem Standort über eine lebhafte Kulisse mit Booten, Schiffen, Gebäuden und Horizontausblick. In transparenten Durchdringungen und vielfältigen Überlagerungen sind die Farbfelder der zu Chiffren vereinfachten Einzelmotive mit Palettenmesser und Spachtel pastos aufgetragen. Die Farbe ist damit in ihrer Materialität erfahrbar, Arbeitsspuren lassen den Werkprozess erahnen. Das Licht strahlt gleichsam von hinten durch die Farbpartikel hindurch, effektvoll kontrastiert und gesteigert durch schwarzblaue Malbezirke, die wie Verriegelungen vor die bildimmanente Helligkeit geschaltet sind. Das gesamte Ordnungsprinzip der Darstellung zielt auf eine totale Verflächigung der Form bei maximaler Leuchtkraft der Farbe – eine Bildsprache, die an brillante Farb-Lichtklangräume der Glasmalerei erinnert. Tatsächlich war Kiess seit den frühen 50er Jahren auch als Gestalter von Glasfenstern tätig.

Eine meditativ-mystische Grundstimmung spricht aus der außergewöhnlichen Bildschöpfung. Trotz der strengen Systematik im Bildaufbau stellt sich ein Gefühl von Dynamik und Rhythmus, von spielerischer Leichtigkeit und lyrisch-poetisch gestimmter Heiterkeit ein, die an mediterrane Gefilde denken lässt. Die großformatige Leinwandarbeit lässt Kiess Anschluss finden zur zeitgenössischen internationalen Avantgarde und offenbart frappierende Übereinstimmungen mit Bildschöpfungen der stilprägenden „Ecole de Paris" wie etwa bei Nicolas de Staël, Pierre Soulages oder Serge Poliakoff.

Vergleichbar mit Kiess stießen die Vertreter des abstrakten Expressionismus und der informellen Malerei nach 1945 zu einer neuen Stilsprache vor, in der das Streben nach spannungsreicher Koexistenz von Formen- und Gegenstandswelt zum Tragen kommt.
Nicht die unmittelbare Wirklichkeitsbeobachtung bestimmte das unorthodoxe Bildvokabular, sondern das befreite Agieren aus reinen Gefühlsregungen und Emotionswerten heraus. Im Kontext der Aufbruchsituation der Nachkriegskunst im Bodenseeraum entwickelte Kiess eine eigenständige Ausprägung abstrakter Malerei.

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