Kunstmuseum Singen

Emil Wachter (*1921) im Kunstmuseum Singen


Emil Wachter, Wintergewitter, 1963
Öl auf Karton, 63,4, x 95,8 cm
Kunstmuseum Singen, (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2018


Im zeitrelevanten Spannungsgefüge von Abstraktion und Konkretion bewegt sich der in Karlsruhe lebende Maler, Graphiker und Bildhauer Emil Wachter mit seiner Schilderung des dramatischen Naturereignisses eines Wintergewitters. Zu Beginn der 1960er Jahre befreite der Maler sein Kunstwollen radikal vom Abbildhaften der sichtbaren Wirklichkeit und trieb den Einsatz der gestalterischen Mittel durch eine gestisch bewegte, ungestüme und impulsive Formensprache bis an die Grenze zur Gegenstandslosigkeit.

Im Entstehungsjahr des Bildes, das im Folgejahr aus der 17. „Singener Kunstausstellung“ für die städtische Kunstsammlung angekauft wurde, gab Wachter seine Lehrtätigkeit an der Karlsruher Akademie infolge interner Differenzen auf und ist seither freischaffend tätig. Um 1960 hielt er sich mit seiner Familie mehrfach in Gaienhofen auf der Bodenseehalbinsel Höri auf. Im Mittelpunkt seines vielfach religiös inspirierten Schaffens steht die Auseinandersetzung mit dem Bild des Menschen, komplettiert von Glasfensterarbeiten, Stillleben und Landschaftskompositionen.

Die reliefartigen Pastositäten des Farbauftrages betonen im Gemälde "Wintergewitter" den autonomen Malprozess und korrespondieren zugleich mit der besonderen, haptisch erfahrbaren Oberflächentextur der winterlich erstarrten Eis- und Schneekulisse. Heftige Formdynamismen und eruptive Farbüberlagerungen, teils mit schrundig aufgerissenen Verkrustungen, prägen Emil Wachters sperrige Bildsprache. Die Landschaft wandelt sich zum Experimentierfeld für die kühne Erprobung unkonventioneller Ausdrucksmöglichkeiten. Die unmittelbare Naturbeobachtung steigert sich zur Erfahrung des Visionären und Mystischen, die Landschaft erscheint als unwirklicher Ort. Diffuse Lichtstimmungen verleihen der Szenerie einen übernatürlichen, beinahe surrealen Wirkungsgehalt.

Der den Gesamtausdruck wesentlich prägende, materialorientierte Umgang mit der Farbmasse genießt in Emil Wachters Schaffen einen hohen Stellenwert. Seine Vorliebe für plastisch erlebbare Ausdruckswerte eines Werkstoffes artikuliert sich neben der Ölmalerei vor allem in den Betonreliefs der frühen 1970er Jahre. Wachters „Wintergewitter“ hinterfragt etablierte Sehgewohnheiten und fordert den Betrachter zu einer veränderten Wahrnehmung von Landschaft und Natur heraus.

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