Kunstmuseum Singen

Otto Dix (1891-1969) im Kunstmuseum Singen


Otto Dix , Der Gekreuzigte, 1969
Lithographie auf Bütten, 48,5 x 31,5cm
Kunstmuseum Singen, (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2018


Nach 23-jähriger Abstinenz wandte sich Otto Dix 1948 wieder der Druckgraphik zu und schuf bis zu seinem Tod einen Werkblock von insgesamt 208 Arbeiten. Im Zentrum der graphischen Intentionen stand unangefochten das Medium der Lithographie, stilistisch und inhaltlich stets eng verflochten mit dem malerischen Spätwerk.

Eine intensive Auseinandersetzung mit biblisch-religiösen Themen prägte wesentlich seine Bildwelten. Zu den letzten Blättern überhaupt gehört die Darstellung des Gekreuzigten, geschaffen im Frühjahr 1969 kurz vor dem zweiten Schlaganfall des Künstlers.

Entgegen der traditionellen christlichen Ikonographie verzichtet Dix auf die Attribute Dornenkrone und Seitenwunde, auch das Kreuz als solches ist nicht sichtbar. Vielmehr soll der Gekreuzigte als allgemeingültige Passionsgestalt, als zeitloses Sinnbild für Leid, Schmerz und Tod des Menschen schlechthin verstanden sein. „Das Christliche ist keine Atelier-Idee. Mein Leben war mir Anlass genug, die Passion am Bruder, ja am eigenen Leib durch zu leben", erklärte Dix 1955. Als vorzüglicher Bibelkenner war er insbesondere mit der Leidensgeschichte Christi bestens vertraut.

Drastik und Dramatik des Bildmotivs sind expressiv betont durch einen impulsiven, beinahe eruptiven Duktus der ungestümen Linienführung sowie durch scharfe Hell-Dunkel-Kontraste. Die Situation erscheint auf äußerste zugespitzt, die grotesk verrenkte Armhaltung offenbart schonungslos extreme körperliche Qual.

Zur weiteren Ausdruckssteigerung entwarf Dix einen unkonventionellen Figur-Grund-Bezug: die schwarz umgrenzte, galgenartige Umrissform, in welche der Gemarterte vor leerem Blattgrund eingespannt ist, verstärkt ganz wesentlich den Eindruck des Einsamen und Verlassenen, des absolut Isolierten und Ausgestoßenseins. Die schlagende Einfachheit und spröde Strenge der Komposition intensivieren den schroffen Wirkungsgehalt der Darstellung.

Eigentlicher Auslöser der Bildidee war wohl die geistige Bewältigung der eklatanten existentiellen Situation, in der sich Dix zu dieser Zeit befand. Er wollte die christliche Thematik immer auch als „Gleichnisse meiner selbst und der Menschheit" verstanden wissen. In diesem Kontext ist der Gekreuzigte als symbolwirksame Identifikationsfigur lesbar, in welche Erfahrungen persönlichen Leids und die Angst vor dem nahenden Tod hineinprojiziert sind. Die Lithographie avanciert damit zur emotionsgeladenen Selbstbefragung künstlerischer Identität am Endpunkt des Lebens.

Schließlich lassen sich in der Ausarbeitung des Kopfes Christi mit buschigem Bart und zurückgesträubtem Haar bedingt formale Bezüge zu Gesichtsmerkmalen von Friedrich Nietzsche herstellen, den Dix zeitlebens verehrte und dessen Antlitz er bereits 1914 in einer heute verschollenen Büste expressive Gestalt verliehen hatte. Zur Ausführung der Lithographie, die in der Erker-Presse in St. Gallen vorgenommen wurde, verwendete Dix eine vorbereitete Umdruck-Zeichnung.

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