Kunstmuseum Singen

Karl Oßwald (1925-1972) im Kunstmuseum Singen


Karl Oßwald, Selbstbildnis, 1969
Öl auf Hartfaserplatte, 59 x 49 cm
Kunstmuseum Singen, (c) Karl Oßwald


Das Gemälde zeigt den aus Hilzingen stammenden Maler und Grafiker Karl Oßwald. In der Portraitgattung des konventionellen Brustbildnisses präsentiert er sich im Alter von 44 Jahren. Nach autodidaktischen Anfängen unterbrach der Zweite Weltkrieg mit Fronteinsatz und Kriegsgefangenschaft zunächst die künstlerische Entwicklung.

Als Schüler der Karlsruher Akademie setzte Oßwald seine Ambitionen in den Jahren 1948 bis 1952 in den Klassen von Wilhelm Schnarrenberger, Fritz Klemm und Walter Becker fort. Anschließend wirkte er als Kunstpädagoge an verschiedenen Orten, darunter von 1957 bis 1964 am Gymnasium in Singen. Stark prägende Einflüsse empfing sein Schaffen vorrangig durch Walter Becker, dessen Expressionismus-Rezeption in den form- und farbintensiven Bildfindungen Oßwalds nachhaltige Wirkung entfaltete.

Im Zentrum seines Themenkreises standen die Landschaft und Natur des Hegau und der Bodenseeregion, begleitet von Stillleben und Figurenkompositionen. Das Selbstbildnis, die Auseinandersetzung mit der eigenen Person und die reflexive Befragung künstlerischer Identität, bedeutete die Ausnahme im Schaffen des Malers. Neben einem frühen Selbstbildnis von 1947 bietet die aus dem Nachlass für die Singener Sammlung erworbene Leinwandarbeit von 1969 ein seltenes Beispiel für Portraitkunst im Gesamtwerk von Oßwald.

Unter Verzicht auf tradierte Attribute des Künstlertums - ohne Pinsel, Palette oder Staffelei - tritt uns das Antlitz des Künstlers in extremer Nahsicht entgegen. Sein bildnerisches Tun ist allein durch das angeschnittene Fragment eines Gemäldes im Hintergrund quasi stellvertretend präsent. Nachdenklichkeit und Skepsis sprechen aus dem ernsten, auf den Betrachter fixierten Blick. Ein auffälliger Kontrast besteht zwischen der verschatteten Gesichtspartie und dem hellen, von gleißendem Seitenlicht durchstrahlten Umraum. Lediglich durch kleinteilige Farbreflexe geschieht die plastische Modellierung der Physiognomie. Eingespannt zwischen rückwärtiger Wandfläche und Sockelzone des Oberkörpers steht die markante Erscheinung des Kopfes als dunkle Masse wuchtig im Bildganzen. Ein spannungsreiches Gegeneinander entsteht zwischen dem lebhaften Kolorit der Gesichtszone und der weißgrauen, beinahe monochrom gehaltenen Umgebung. Diese Darstellungsweise intensiviert, zusammen mit dem Ausblenden der Umgebung, den geistigen, nach innen gewandten Ausdrucksgehalt des Künstlerbildnisses. Festigkeit und Stabilität dominieren den Wirkungsgehalt der Selbstdarstellung. Im Zentrum der gestalterischen Intentionen steht der kraftvolle, subjektiv übersteigerte Selbstausdruck.

Leuchtende Farbkontraste, energische Pinselzüge und kantig verhärtete Konturierungen kennzeichnen die als spätexpressionistisch einzuordnende Stilsprache Oßwalds. Gemessen an den radikalen Formgebungen des klassischen Expressionismus von „Brücke" oder „Blauer Reiter" pflegte Oßwald jedoch eine äußerst moderate, stark abgeschwächte Spielart jener Stilrichtung, die ihn mehr ins Formal-Ästhetisierende und Realitätsbezogene tendieren ließ.

In der regionalen Kunstgeschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts darf Karl Oßwald als ein bedeutender Vertreter des expressiven Realismus nach 1945 gelten, der sich vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren mit dem Anknüpfen an Tendenzen der klassischen Moderne dem herrschenden Zeitgeist der Abstraktion entzog und eine eigenständige, stets emotions- und wirklichkeitsorientierte Position behauptete.

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