Kunstmuseum Singen


Otto Dix (1891-1969), Krieg und Frieden, 1960
Keimsche Mineralfarben Technik A auf Silikatputz, 400 x 960 cm 
Wandbild im Ratsaal des Rathauses Singen, (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2018
 

Das heute einzig erhaltene Wandbild von Otto Dix befindet sich im Singener Ratsaal und wurde vom Lager und mehreren Mitarbeitern (Ernst Bursche, Jean Paul Schmitz, Egon Lustner, Ursus Dix) in der Abschlussphase des Rathausneubaus realisiert. Rathaus wie Wandbild künden vom neuen Selbstbewusstsein der Stadt Singen im Wirtschaftswunder. Die Intentionen zweier Männer trafen sich. Seit 1947/48 war Dix vermehrt an Darstellungen des leidenden Christus gelegen, denen er stets "eine gewisse Härte" (Dix) verlieh. Theopont Diez (1908-1993), Singens erster Oberbürgermeister der Nachkriegszeit, war davon überzeugt, dass der zeichenhaften Kunst ein volksbildender Wert zukomme. 

Das Auftragswerk entstand in halbjähriger Arbeit auf der Grundlage von Ideenskizzen, eines Farbentwurfs sowie eines maßstabgroßen Kartons, mit dem die Komposition auf die Wand übertragen wurde. Obgleich das Werk nass in nass gemalt wurde, ist es kein Fresko. Die Festigung wird erst durch das mehrfache Aufsprühen eines Fixativs auf das fertiggestellte Bild erreicht. 

Wie in den 50er Jahren häufig, so suchte man auch in Singen nach einer symbolischen Darstellung politisch verantwortlichen Handelns. So lässt sich Dix`Werk als Mahnbild gegen den Krieg und gegen die nationalsozialistische Schreckensherrschaft, aber auch als Ausdruck einer erneuerten Politik aus dem Geist des christlichen Humanismus deuten: "Macht Ernst mit Eurem Christentum, dann habt ihr den Schlüssel zum Frieden" (Diez zur Einweihung des Rathauses und des Wandbildes 1960). 

Das Bild ist klassisch dreigeteilt. Auf der linken Seite stehen die Geißelung Christi, ein Panzer, Tote und Schutzsuchende, aber auch eine traditionelle Architektur für den Krieg und die "alte" Zeit. Auf der gegenüberliegenden Seite symbolisieren die Auferstehung Christi, die weiße Taube, eine Mutter mit ihren Kindern und der Aufbau einer neuen Stadt den Frieden und den Neuaufbau. In der Bildmitte, überhöht am Kreuz, verklammert der Gekreuzigte im Sinne einer Synthese die gesamte Darstellung. Die von unten links nach oben rechts das gesamte Bild querende und durch die Kreuzigung hindurch führende Diagonale deutet das Kreuzopfer Christi als Voraussetzung und als Weg zum Frieden aus. 

Otto Dix kam dem Wunsch des Auftraggebers nach, "die Friedenslandschaft kompositorisch gleichwertig zu gestalten. Dafür nahm er sich die Freiheit, in der Darstellung der Christusfigur und der Schergen auf die traditionell-kirchliche Ikonographie, z.B. auf eine Aura oder den Heiligenschein, zu verzichten. Im Sinne der von ihm angestrebten "Härte" stellt er Christus als geschundenen Gefangenen mit kahl rasiertem Schädel dar und verlieh jenem Geißelknecht, der ein Sträflingshemd trägt, die Gesichtszüge Adolf Hitlers. Dix entriss die einzelnen Szenen der biblischen Historie und transponierte sie so in die jüngste deutsche Zeitgeschichte und ins allgemein Menschliche. 

 

 

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